Waidgerecht … schämt euch

Beobachtungen und Erlebnisse während der Drückjagd in Leopoldshafen

Am Nachmittag nahm ich bereits den zweiten Beobachtungsstand auf einer Kanzel im Schröcker Rheinwald ein. Genauer gesagt wurde ich abgesetzt wie die teilnehmenden Jäger mit dem Hinweis seinen zugewiesenen Platz nicht vorzeitig zu verlassen. Wie jedes Jahr war alles für und um die Jagd organisiert, geregelt und besprochen. Nun saß ich da und überblickte das Waldgelände vor mir. Im Vergleich zum Vorjahr war es sehr zerzaust und sah aus, als hätte dort ein Sturm gewütet. Die Forstwirtschaft hatte die vom Eschentriebsterben betroffenen Eschen entnommen, ebenso einige Erlen, die man Wegesrand liegen sah. Auch wenn es dort jetzt chaotisch aussieht, es wird dort wieder nachgepflanzt, denn unser Forst wird nachhaltig betrieben.

Dann kam das Reh. Auch der Jäger rechts von mir war aufmerksam. Ob Beobachter oder Jäger, oft erkennt man die Bewegung, die plötzliche Veränderung im Gelände und sieht eine Chance. Auch das Reh hatte seine Chance und lief zunächst in Richtung Schilfgürtel mit guter Deckung, verharrte kurz davor, um sich dann zu drehen und wieder zurück ins ausgeholzte Gelände zu laufen. Der Jäger war hoch konzentriert, legte an, zielte. Als es kurz stehen blieb war es tot, bevor der Hall des Schusses verklungen war. Diese Szene des Sterbens eines Wirbeltieres konnte ich genau beobachten und in Teilen mit der Kamera dokumentieren.

Was habe ich dabei empfunden? Ein schneller Tod ohne Leiden. Die Jägerschaft erfüllt in einer solchen Drückjagd ihren Auftrag zum Schutz von Wald und Landwirtschaft, denn die Gegenspieler wie Wolf, Luchs oder Bär gibt es bei uns nicht. In meinen Augen ging es gerecht zu. Die Jäger nennen das waidgerecht. Als das Reh zu Boden ging fielen mir die Szenen der auf Spaltböden gehaltenen und in Massen gepferchten Hausschweine ein, die man gelegentlich im Fernsehen sieht. Schweine mit hoch ausgebildetem Riechvermögen müssen lebenslang ihre eigenen Fäkalien riechen und später im Schlachthaus das Blut und den Tod der eigenen Artgenossen. Männliche Ferkel werden ohne Betäubung kastriert. Ist das waidgerecht? Dann will man uns weismachen, dass das vom Verbraucher so gewünscht wird, weil er erwartet billiges Fleisch zu bekommen. Ich bin Verbraucher aber ich wünsche das nicht!

Die Jagd wurde im Vorfeld sabotiert. Die Jägerhalle wurde auf der Rückseite zwei Mal mit dem Schriftzug „Waidgerecht? Schämt euch“ beschrieben. Eine feige Tat, die als Sachbeschädigung zu bewerten ist. Kritik sollte offen formuliert werden. Das warum und weshalb lässt sich im direkten Gespräch immer am besten erläutern. Ich kenne keinen Jäger dieser Jagd, der nicht bereit gewesen wäre Rede und Antwort zu stehen. Feige im Untergrund zu agieren ohne Alternativen zu bieten kann niemals konstruktiv sein.

Eine halbe Stunde später kam ein weiteres Reh, derselbe Jäger legte erneut an. Auch ich hatte es vor der Linse und wartete auf den nächsten Schuss. Er ließ es ziehen und es verschmolz schließlich in seinem winterlichen Kleid mit den Farben der grauen Stämme und dem Grau dieses kalten Wintertages. Diese Jagd war Stress fürs Wild, ohne Zweifel Und doch habe ich auch dieses Mal Rehe und Füchse gesehen, die sich von den Treibern überlaufen ließen und dem Geschehen dadurch entkamen. Was ist fürs Wild mehr Stress, eine definierte Drückjagd an einem Tag im Jahr oder die Sylvesterböllerei mit Krach, Raketenblitzen und Tonnen von Feinstaub?

Ralf Schreck

 

Die beigefügten Bilder zeigen Szenen einer Jagd wie sie am 29.12.2018 abgelaufen ist.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.