Umwelt Nachrichten 05.05.2020

Maispaziergang in Leopoldshafen

Das Wandgemälde in der Pforzheimer Straße ist komplett. Die Lesende ist jetzt grün gebettet. Sie liest im Buch der Natur.
Wenn die Kastanien blühen hat der phänologische Sommer begonnen. Im Friedhof Leopoldshafen ist es schon soweit. Das Buch der Natur hat unendlich viele Seiten.
Pulsatilla vulgaris. Die Küchenschelle ist bereits verblüht und ziert mit filigranen Fruchtständen. Ihren deutschen Namen hat sie bekommen, weil die glockenartigen Blüten an die Schellen einer Kuh erinnern. „Küh-chen Schelle“ ist gemeint. Und nicht Küche.
Unterhalb des Friedhofs fallen die versponnenen Sträucher auf. Christo hätte es nicht besser gekonnt. Es ist das Werk von Yponomeuta plumbella, der Pfaffenhütchen Gespinstmotte. Ein unscheinbarer Nachtschmetterling, dessen Raupen ein umso auffälligeres Werk hinterlassen.
Die Raupen produzieren in dem gemeinschaftlich gesponnenen Netz Kahlfrass an den Blättern, ja der komplette Strauch kann blattlos gefressen werden und das übrige Zweiggerippe ist wie mit einem Leichentuch überzogen.
Danach seilen sich die Burschen ab, wandern zum nächsten Strauch, spinnen ein neues Seidennetz, fressen weiter, bis sie sich verpuppen und zum Schmetterling wandeln. Die Zweige rechts im Bild sind von einem Liguster, der von diesen Raupen nicht behelligt wird.

Da diese Raupen zahlreiche Fressfeinde, wie Insekten und Vögel haben, ist das Gespinst von Vorteil.
Nachdem die Fressorgien beendet sind, treiben am Euonymus europaeus aus „schlafenden Augen“ (Knospen) neue Blätter. Aus den befruchteten Blüten entstehen im Herbst die pinkfarbenen Früchte, die aufgrund ihrer Form als Pfaffenhütchen bezeichnet werden. In der Natur ist alles ein Geben und Nehmen und niemals ein Zerstören oder Vernichten.

Vorbei geht es am flächenhaften Naturdenkmal, der Sanddüne an der Landstraße beim Pfinzkanal. Die Vegetation an diesem Trockenstandort ist so einzigartig, dass dieses Naturdenkmal am 22. März 1938 als erstes im Landkreis Karlsruhe unter Schutz gestellt wurde.
Am Hochgestade angekommen erblicken wir die jugendliche Kastanie – Es ist ein Projekt des (ausgefallenen) Umwelttages 2020 – und erkennen, dass es eine rotblühende Kastanie ist.
In der näheren Umgebung, auch am Bürgerpark, gibt es weitere rotleuchtende Aesculus x carnea `Brioti´.
Sie ist eine Hybride aus Gewöhnlicher Rosskastanie und der nordamerikanischen Roten Kastanie
Im Bürgerpark stören eigentlich nur die Kabel der Stromleitungen das Bild. An diesem 1. Mai gab es schöne Licht und Wolkenstimmungen.
Stimmungsvolles Grün.
Die Lindenallee hat eine Vorgeschichte. Für die Fortführung sollte ein großes Heckenbiotop gerodet werden. Der Beschluß wurde nicht vollzogen.
2012 war noch nicht zu erahnen, wie schön sich die viel diskutierte Allee entwickelt.
Die ökologische Vielfalt ist im Heckenbiotop um ein mehrfaches höher, als in einer Allee. Allerdings sollte diese „Brennpunkthecke“ einer Pflege unterzogen werden.
Beim Rückweg kommen wir am Kreisel Leopoldstraße vorbei. Auch dieser liefert genügend Diskussionsstoff.
Die Kreisfläche soll in eine optisch (für den Menschen) ansprechende und Insekten freundliche Bepflanzung umgewandelt werden. Das heißt, dass eine bereits vorhandene und funktionierende Insekten freundliche Bepflanzung, wegen mangelnder Ästhetik (für den Menschen), gegen eine andere, mitsamt dem darin enthaltenen Leben geopfert wird. Das wurde so beschlossen. Verstehen muss ich das nicht. Würden mehr Menschen im Buch der Natur lesen, gäbe es solche Entscheidungen nicht. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber in den vergangenen Wochen habe ich auf unser Leben eine intensivere Blickrichtung entwickelt und Sorgen und Nöte gesehen. Das Geld für diese „Luxusbaustelle“ hätte ich hier im Ort an Notwendiges gegeben.
Mir persönlich hat die ursprüngliche Kreiselvariante am Besten gefallen. Der Planer hat in diesem hervorragenden Projekt lokale Geschichte und heimische Natur durch die Gestaltung sehr schön vereint. Darüber werde ich gesondert berichten.
Zum Schluss noch ein letzter Herbstgruß. Die Lampionblumen leuchten immer noch um die Wette. Als Trockenstrauß halten sie Monate lang. Sind zwar nicht heimisch, aber gut fürs Herz und Seele. Mit einem Wort, sie sind System relevant.
Als Zugabe noch einen Blick auf den Dachsbau. Es hat sich ein Pärchen eingefunden. Auf den Videos ist zu sehen, dass trockenes Laub in den Bau geschafft wird. Wohl geruht kann ich da nur sagen.

Ralf Schreck – der im Buch der Natur liest

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