Indian Summer

Die Friedhofskultur in Deutschland ist Immaterielles Kulturerbe. Auf Empfehlung der Deutschen UNESCO-Kommisssion hat im März 2020 die Kultusministerkonferenz die Aufnahme in das Bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes beschlossen.

Menschen nach innen bewegen, Gesellschaft nach außen prägen.

„Dieses immaterielle Erbe umfasst nicht die Friedhöfe an sich, sondern die „lebendigen Ausdrucksformen, die von menschlichem Wissen und Können getragen, von Generation zu Generation weitervermittelt und stetig neu geschaffen und verändert werden“, wie es die deutsche UNESCO-Kommission formuliert. In Bezug auf die Friedhofskultur betrifft dies zwei große Themenfelder: Zum einen geht es darum, was wir auf dem Friedhof tun: trauern, erinnern und gedenken sowie gestalten, pflegen und bewahren. Zum anderen würdigt die Ernennung zum Erbe den vielfältigen Wert der Friedhofskultur für unsere Gesellschaft: kulturell, sozial oder historisch, aber auch in Bezug auf Klima- und Naturschutz, gesellschaftliche Integration oder nationale Identität.“ Dies und noch viel mehr liest man auf der Seite von kulturerbe-friedhof.de

Um den Indian Summer zu erleben müssen wir nicht in die USA reisen. Im Kleinen erleben wir die farbenprächtigen Lichtspiele auf unseren Friedhöfen. Am frühen Vormittag, sobald die Wolkendecke aufreißt und die Nebelschwaden entschwinden, die wie weiße Tücher auf der Szenerie liegen, beginnt das Leuchten. Und mit dem Strahlen fluten wohlige Gefühle Geist, Seele und Körper. Eigentlich gehen mich diese Gräber gar nichts an. Eigentlich. Mein Grab ist woanders. Es ist die Gesamtheit der Anlage, das Konglomerat aus Geschichte, Zeit, Denkmalen, Kitsch, Nippes. Den alten ehrwürdigen Bäumen aus aller Welt, die jetzt um die Wette leuchten. Es ist die Symbolik, die sich an vielen Details erkennen lässt, die mich an Schmerz, Trauer, aber auch an Erneuerung, Wertschätzung und Dankbarkeit erinnern.

Auf der Schattenseite einer kleinen Treppenmauer wächst der Rotstielige Streifernfarn. Ja, er führt ein Schattendasein. Aber ohne diesen Lebensraum kann er nicht existieren. Und wir laufen daran vorbei, ohne ihn zu beachten. Unten angekommen blicken wir auf das triste Gräbefeld der Gefallenen aus dem Zweiten Weltkrieg. Wir sind auf dem Hauptfriedhof in Baden-Baden. Die Ortsangabe ist überflüssig. Kriegsgräber haben wir auf allen unseren Friedhöfen. Mahnende Denkmale, um unsere Gegenwart besser zu gestalten? Im Hintergrund wird ein einzelnes Bäumchen vom Sonnenlicht erstrahlt. Gerade so als will es sagen „Macht es besser“! Eine bedrückende Szenerie. Doch das leuchtende Bäumchen vermittelt Hoffnung.

Auf dem Friedhof

von Joachim Ringelnatz

Dort ruhen sie unter bunten Hügeln.
Unsere Augen sehen sie nimmer erwachen.
Auf der Mauer hockt mit gebrochenen Flügeln
Das Lachen.

Fern in den Wolken verhallt die Klage.
Bittere Tränen trocknet der Wind,
Und aus Kränzen stiehlt sich die zitternde Frage:
Wohin sie gegangen sind.

Herbst

von Christian Morgenstern

Zu Golde ward die Welt;
zu lange traf
der Sonne süßer Strahl
das Blatt, den Zweig.
Nun neig
dich, Welt, hinab

Bald sinkt’s von droben dir
in flockigen Geweben
verschleiernd zu –
und bringt dir Ruh,
o Welt,
o dir, zu Gold geliebtes Leben,
Ruh.

Die Auswahl der Bäume verleiht diesem Ort eine besondere Würde. Die gelben schlanken sind säulenförmig wachsende Tulpenbäume. Die orange farbenen sind Amberbäume. Liriodendron und Liquidambar sind in den USA beheimatet. Sie gedeihen auch bei uns. Aus Versteinerungen wissen wir, dass beide vor der letzten Eiszeit bei uns ebenfalls heimisch waren. Das war vor 10.000 Jahren. Nach der Eiszeit war eine natürliche Wiederansiedlung nicht gegeben, da unsere von Ost nach West verlaufenden Gebirge dies unmöglich machten. In den USA sind die Gebirge einwanderungsfreundlicher, da sie von Nord nach Süd verlaufen. Deshalb sind wir froh, dass wir schlaue Gärtner haben, die solche Baumschätze wieder ansiedeln. Im dritten Bild blicken wir auf das Gärtner betreute Grabfeld der Genossenschaft Badischer Friedhofsgärtner. Auch sie bemüht sich um die Erhaltung der Friedhofskultur. Es ist der Friedhof in Sinzheim.

Die Fliegenpilze sind im Friedhof Varnhalt. Die anderen Momentaufnahmen stammen aus Steinbach bei Baden-Baden. Wir sehen, kein Kirchhof gleicht dem anderen. An jedem Ort entdecken wir eine Vielfalt interessanter Themen. Die Verleihung des Prädikats Immaterielles Kulturerbe geschah zurecht. Diese Würdigung trägt zum Erhalt dieser Orte bei. Nachhaltigkeit war noch nie ein Fehler.

Herbst in der Heimat. Von wegen langweilige Friedhöfe.

Ralf Schreck – der sich aber auch wieder auf den Mai freut.

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