Stand 2

Stand 2

Es ist ein echter Lebensraum dort draußen an der Belle Brücke. Dabei meine ich das etwas abseits gelegene Gelände, in welchem sich die Bienenstöcke befinden. Vom Kopfweg blickt man hinein und sieht die beiden Bienenstände. Wir sind oft dort und schauen einfach mal vorbei. Gelegentlich treffen wir dort den Imker, der uns bereitwillig alles zeigt und erklärt. Dann öffnet er einen Kasten und zeigt uns das emsige Innenleben mit der Königin. Vor den beiden Ständen liegen Folien und alter Teppichboden. Darauf sammeln sich die verstorbenen Bienen. Dadurch bekommt man einen Überblick, ob sich die Mortalität der Honigbienen im Rahmen hält. Teppich und Folien heizen sich tagsüber in der Sonne auf. Diese Eigenschaft nutzen Blindschleichen und Eidechsen, um sich darunter zu erwärmen. Die nachtaktiven Blindschleichen findet man tagsüber darunter, die Eidechsen des nachts.

Mitte September war ich wieder da, um jagende Hornissen zu fotografieren. Kaum war die Kamera mit Blitzgerät auf dem Stativ montiert kamen die ersten Hornissen Arbeiterinnen vorbei und versuchten die ein- und ausfliegenden Bienen zu fangen. Die Kamera auf einen Bienenstock fokussiert, den Drahtauslöser in der Hand, sucht das Auge die Umgebung ab. Sobald eine Jägerin sich nähert rattert der Auslöser. Die Bienen werden im Flug gefangen, überwältigt und in einer Baumkrone zerkaut. Dabei hängt sich die Hornisse mit einem Bein an ein Blatt oder Zweig kopfunter auf und löst den Flugmuskel aus. Mit diesem fliegt sie dann zurück ins Nest und füttert ihre Larven. Die Hornisse selbst nimmt nur Flüssigkeiten, wie Baumsäfte auf.

Am Beobachtungstag kamen ständig Hornissen vorbei und fingen etliche Bienen ab. Alle zwei Minuten wurde eine erbeutet. Manche Bienen können sich losreisen und entkommen. Auch die Hornissen kommen nicht immer ungeschoren davon, denn auf dem „Mortalitätsfeststellungsteppich“ lagen auch zahlreiche tote Wespen und Hornissen. 600 – 800 Fotos in zwei Stunden sind keine Seltenheit. Die Auswertung der Bilder ist äußerst spannend, denn manche Abläufe lassen sich in Echtzeit nicht genau beobachten. Eine Hornisse geriet zu nahe ans Einflugloch, welches von einer Bienen Phalanx bewacht wurde. Zwei Bienen schnappten nach ihr und versuchten sie heranzuziehen, um sie in Gemeinschaft zu umringen und dadurch mit gezielter Überhitzung zu töten. Im letzten Moment konnte sich die Hornisse losreißen und entkommen.

Auf einem Foto kann man am unteren Bildrand erkennen, wie sich zwei Bienen auf eine Wespe stürzen und mit ihr kämpfen. Plötzlich taucht aus der Teppichfalte eine Mauereidechse auf und beobachtet geschwächte Honigbienen, die am Boden herumlaufen. Dann stürzt sie sich auf die flügellahme und vertilgt sie mit drei Bissen, während im Flug Raum oben die nächsten Honigbienen abgefangen werden. Ein Hornissenvolk in einem guten Jahr bringt ca. 400 – 600 Individuen hervor. Oft sind es weniger. Tragen diese Jäger zum Bienensterben bei? Oder sind es gar die aus Frankreich zugewanderten Thailändischen Hornissen, denen man noch viel Übleres nachsagt und deshalb von der EU als zu bekämpfende Neozoen erklärt wurden?

Gerade schießt eine grünliche Großlibelle vorbei und erbeutet ebenfalls eine heimkommende Biene. Zu flink und schnell für die Kamera. Bienensterben? Gibt es das tatsächlich? Wer sich lange Jahre beobachtend in Wald, Feld, Flur und Ort aufhält, hat längst erkannt, dass es immer weniger Insekten gibt. Geht es uns auch etwas an? Die Antwort bekommen wir, wenn wir den Vlies, Kies- und Schotteranteil in unseren Vorgärten betrachten und auch wie unser öffentliches Grün behandelt wird. Wir erinnern uns, „es blüht eine Rose zur Weihnachtszeit“, die Christrosen waren im Beet vor der Rheinhalle, später im Sommer gab es dort Rittersporn und Fette Henne. Gab es, denn dieses Beet wurde gepflastert. Wer hat das bemerkt, wer hat sich beschwert? Meine Bienen Hotline stand Tage lang nicht mehr still!

Ist es nicht besser alles wieder auf die Landwirtschaft zu schieben? Gerade hat man festgestellt, dass von Bienen aufgenommenes Glyphosat deren Darmflora schädigt und somit negativ ins Immunsystem eingreift. Oder sind es die blütenlosen, weil dauergemähten Wiesen oder die zu schmalen Ackerrandstreifen oder die in Rasen umgewandelten Bodendecker Flächen, die mangels Pflege unästhetisch geworden sind? Oder, oder. Ich höre keine Widersprüche, sagte mir eine Biene. Was soll ich meinen Larven füttern, wenn es keine Insekten mehr gibt, fragte mich eine Hornisse.

Im überdachten Bereich des Bienenstandes gibt es eine größere Kolonie Ameisenlöwen. Das sind zangenbewehrte, räuberische Larven der Ameisenjungfern. Die kleinen Löwen sitzen versteckt in der Mitte des Sandtrichters und warten, bis eine Ameise hineingerät. Der Löwe schleudert dann noch Sandkörnchen Richtung Beute, bis sie schließlich unten in den Zangen endet, in die Tiefe gezogen und verzehrt wird. Es ist ein interessanter Kosmos dort unten beim Bienenstand 2. Eine Welt für sich inmitten von Honigbienen. Deren Bestäubungsleistung und Honigertrag kann nicht genug gewürdigt werden.

Der Imker ist umtriebig, kümmert sich um seine Völker, dokumentiert und schafft nebenbei Lebensraum für viele Tiere. Auch eine kleine Baumschule für Bienengehölze hat er dort unten. Schaut doch einmal vorbei, wenn ihr dort unten seid. Wenn ihr ihn dann trefft, dann fragt ihn doch, ob es das Bienensterben tatsächlich gibt?

Ralf Schreck – Naturbeobachter

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